Buchrezensionen Team Bellini

Buch-rezension von Urs

«Hoch aufragende Klippen, knarrende Docks, malerisch rote Bootshäuser – und ein Mord: Platz 1 der schwedischen Bestsellerliste!»

Ein Sturm nähert sich dem verschlafenen Ort Hovenäset. In der Nacht, als das Unwetter über der idyllischen schwedischen Westküste niedergeht, passieren zwei Dinge: Die Lehrerin Agnes verschwindet spurlos, und ein neuer Bewohner taucht in Hovenäset auf. Der Stockholmer August Strindberg hat das lokale Bestattungsunternehmen gekauft – samt Leichenwagen -, um einen Secondhand-Laden zu eröffnen. Während August sein neues Fahrzeug gelb lackiert, um sein schauriges Domizil angenehmer zu gestalten, wird ihm klar, dass sein Haus im Zentrum um Agnes› Verschwinden steht. Er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.

Kristina Ohlsson pflegt eine gut verständliche, klare Sprache, recht kurz angebunden, manchmal mit leiser Ironie, die dem Leser die Reise im Herbst an die stürmisch, regnerische Küste Südwestschwedens leicht macht. Charmant wie uns in lebhaften Bildern geschildert wird, wie August der Grossstädter aus Stockholm sich in der im Herbst doch recht verlassenen Gegend einrichtet mit Laden und altem, neu in Gelb gestrichenem Leichenwagen. Schön auch, dass Maria von der Polizei gleichzeitig den örtlichen Lesezirkel leitet – ein anderes lohnendes Ziel von August…Bloss die Auswahl des Hauses, wo er sich zum Wohnen einrichtet, führt zu mannigfaltigen Reaktionen der Eingesessenen von Unverständnis bis zu Entsetzen. Vor 30 Jahren wurde nämlich hier ein grausiger Fund gemacht. Ohne weiteres Zögern knien wir tiefer in die Geschichte rein, freuen uns an dem Schweden-Touch, verfolgen gebannt der Suche nach Agnes, deren Eheglück, wie übrigens auch im Falle von Marias Beziehung, deutliche Kratzer aufzuweisen scheint. Es lohnt sich! Nicht zuletzt, weil Probleme in der Ehe, männliche Gewalt an Frauen aber auch fehlgeleitete Elternliebe auf eine sehr sensible Art thematisiert werden. Ein rundum solider Roman aus dem hohen Norden der die Krimiecke in Ihrer Bibliothek sicherlich bereichern wird! Nicht nur spannend, sondern auch SEHR gescheit und warmherzig geschrieben. Grosses Kino!

 

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«Die Tote im Sturm» von Kristina Ohlsson
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Buch-rezension von Sandra

«Kurz und knapp, aber meisterlich erzählt, ein tolles Debut.»

Als Iris von ihrem Großvater das Familienhotel übernommen hat, war Bad Heim noch ein beliebter Kurort. Nun wüten hier heftige Waldbrände und schwängern die Luft mit Rauch, die Sommer sind heiß und trocken und scheinen nicht mehr zu enden. Gäste kommen schon lange nicht mehr. Doch dann taucht plötzlich eine junge Mutter mit ihrer Tochter auf und fragt nach einem Zimmer. Irgendetwas scheint mit der Frau nicht zu stimmen. Braucht sie Hilfe? Oder stellt sie gar eine Bedrohung dar? In dem Debüt von Franziska Gänsler spürt man die Hitze der Brände, spürt die fallende Asche auf der Haut, riecht den alles durchdringenden Rauch – und trotzdem will man dort bleiben, an diesem unwirtlichen Ort, bei diesen Frauen, die sich immer näher kommen und sich gemeinsam wappnen für den Kampf um ihre persönliche Freiheit.

Ein grosser Lesegenuss mit soghafter Wirkung, trotz den schmalen 200 Seiten. Es ist eine zarte Liebesgeschichte, eine Meditation übers Bleiben oder Gehen und ein Klimaroman, der Themen wie Kindeswohlgefährdung oder Gewalt in der Beziehung thematisiert, ohne moralisierend den Finger zu heben. Stellenweise liest es sich auch witzig, trotz Weltuntergang vor der Tür. Eine vielschichtige, raffinierte Erzählung die ich absolut empfehlen kann und ich freu mich auf weitere Bücher dieser Autorin!

 

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«Ewig Sommer» von Franziska Gänsler
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Buch-rezension von Urs

«Ein sehr lesenswertes Stück Krimi-Literatur auf hohem Niveau!»

Im Februar 1986 erhält die Polizei einen Anruf von einem Mann, der behauptet, eine Frau außerhalb der Kleinstadt Tiarp vergewaltigt zu haben. Ich werde es wieder tun, sagt er, bevor die Leitung unterbrochen wird. Schweden steht nach dem Mord an Ministerpräsident Olof Palme in der gleichen Nacht unter Schock.

Für den Polizisten Sven Jörgensson und seinen Sohn Vidar wird dies eine entscheidende Zeit in ihrem Leben sein. Während Vidar versucht, seinen Weg durch die Pubertät und in den Beruf seines Vaters zu finden, ist Sven von dem Fall besessen, der ihn für den Rest seiner Karriere verfolgen wird. Zwei weitere junge Frauen fallen dem Tiarp-Mann zum Opfer, ohne dass die Polizei ihn aufhalten kann. Dann wird Sven krank und stirbt, der Fall bleibt ungelöst.
Jahrzehnte später taucht die Geschichte über die brutalen Morde unerwartet wieder auf, als dem ehemaligen Polizisten Vidar Jörgensson zugeschrieben wird, den Fall des gefürchteten Tiarp-Mannes endlich aufgeklärt zu haben. Doch bald wird klar, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Es braucht den unerbittlichen Verstand eines heimgekehrten Schriftstellers, um die komplizierten Familienbande zurückzuverfolgen, die Teile des Puzzles zusammenzusetzen. Dabei deckt er langsam Schichten der Wahrheit über ein Verbrechen auf, auf das es keine einfachen Antworten gibt.

Christoffer Carlsson schreibt schwedisch kühl und präzise. Er lässt die von zahlreichen Windungen strotzende Geschichte durch einen Schriftsteller, der das Umfeld des Tatorts genau kennt und gerade eine Schreibblockade überwindet, erzählen. Besonders! Besonders auch, dass unsere Geschichte in der Nacht beginnt, in der Olof Palme erschossen wurde. Der ermittelnde Polizist Sven Jörgenssen beisst sich buchstäblich in den Fall fest und scheitert grossartig, wie sich schliesslich herausstellt. Selbst sein Sohn Vidar, der sehr zum Missvergnügen des Vaters auch in den Polizeidienst eintritt, muss viel später das Scheitern der Polizei und insbesondere seines Vaters anerkennen. Ein dunkles, erschütterndes Buch über die Ausweglosigkeit angesichts von Schuld, Sühne und Scheitern. Den geneigten Leser erwartet ein hartes, aber SEHR lesenswertes Stück Krimi-Literatur auf hohem Niveau!

 

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«Was ans Licht kommt» von Christoffer Carlsson
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Buch-rezension von Carolin

«Intensiv, stark und berührend.»

Drei Schwestern treffen sich in der Wohnung der Mutter. Die zielstrebige Mercedes ist 48, die flatterhafte Mira ist 32, und Matea, die noch zuhause lebt, ist 16. Ihre Mutter Mone hat sich das Leben genommen und nur wenig hinterlassen: alten Schmuck, die Katze Muriel und einen Brief. Als drei Kinder aus drei Generationen sind sie mit der gleichen Frau aufgewachsen, aber nicht gemeinsam. Wer war Mone für jede einzelne von ihnen? Und was teilen die drei, wenn schon keine Erinnerungen? Matea, verschlossen und in sich gekehrt, muss sich bei ihrer ältesten Schwester in Berlin einleben und verbringt ihre Tage online. Mercedes vergisst manchmal, dass plötzlich ein Teenager bei ihr wohnt, und Mira fühlt sich, wie immer, überflüssig.

 
Das Wort Triskele kommt aus dem Griechischen und bedeutet grob übersetzt dreibeinig . In der keltischen Mythologie hat die Triskele  mehrere Bedeutungen:  es steht zum einen für «junges Mädchen, Frau und Greisin», zum anderen für «Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft» oder aber auch für die Elemente «Erde, Wasser und Luft». Alle diese Bedeutungen können in einer bestimmten Art und Weise mit den im Buch beschriebenen 3 Schwestern in Verbindung gebracht werden und die Triskele spannt sich wie ein Dach über die Geschichte. Doch halt, es ist nicht nur diese eine Geschichte….Zwischen den Zeilen und Stück für Stück, Monat für Monat erlesen wir uns die Vergangenheit jeder einzelnen Schwester, die jeweilige Gegenwart jeder einzelnen und wir blicken in die Zukunft der Drei. Knotenpunkt und Zusammenhalt bildet die Mutter Mona, die sich das Leben genommen hat. Die Autorin beschreibt all diese feinen, stimmigen und aber auch sperrigen Puzzleteile dieser vielschichtigen Familiengeschichte in einer solch wunderbaren Sprache, dass ich mir ganz viele Sätze angestrichen und rausgeschrieben habe. Am Ende bleibt kein Auge trocken, das liest sich alle sehr intensiv und stark und für mich blieb keine angerissene Geschichte offen und unklar, im Gegenteil, ich hatte zum Schluss ein Gesamtbild dieser Familie, die zunächst nichts gemein zu haben schien, ausser der gemeinsamen Mutter. Ein wunderbares Buch für alle, die Schwestern und Geschwister haben, für alle die glauben, dass sie in komplizierten Familienverhältnissen leben und für alle, die gerne gut geschriebene, gängig zu lesende deutsche Gegenwartsliteratur lesen und es lieben, sich emotional tief berühren zu lassen. Eines meiner persönlichen Lese-Jahreshighlights!
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«Triskele» von Miku Sophie Kühmel
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Buch-rezension von Carolin

«Von Teppichgarnen, Erzählfäden und dem sagenhaften Grün der Baltischen See.»

In »Fischers Frau« lässt Karin Kalisa die Geschichte der Pommerschen Fischerteppiche lebendig werden.
Südliche Ostsee, 1928: Ein dreijähriges Fangverbot macht die Fischer arbeitslos – statt hinaus aufs Meer zu fahren, setzen sie sich an Webstühle und knüpfen Teppiche, die die Welt der See zeigen – oder der Welt die See, wie man es nimmt. Ein österreichischer Tapisserist lehrt sie die Knoten, auf die es ankommt: Senneh und Smyrna. Die «Perser von der Ostsee» entwickeln sich europaweit zum Verkaufsschlager. Fast einhundert Jahre später wird der zurückgezogen lebenden Kuratorin Mia Sund ein sehr seltsames Exemplar auf den Tisch gelegt: In seinem Flor irrlichtern Hunderte von Grüntönen, segeln Koggen unter mysteriösen Flaggen, tanzen kleine Wellen in den Augen der Fische und eine ornamentale Borte entpuppt sich als vieldeutige Chiffre. Zum ersten Mal nach zwölf Jahren beantragt Mia eine Dienstreise und macht sich quer durch Europa auf die Suche nach der Knüpferin und ihrer Botschaft, die die alte Erzählung vom Fischer und seiner Frau auf den Kopf stellt.

Mir hat diese Geschichte der Autorin, wie auch schon ihr Vorgängerbuch «Bergsalz», hervorragend gefallen. Karin Kalisa hat eine sehr warmherzige Geschichte geschrieben, die nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit spielt, sie baut einen angenehmen Spannungsbogen auf, der mich dazu gebracht hat, mehr über das Fischfangverbot in der Ostsee in den zwanziger Jahren und die «Perser von der Ostsee» erfahren zu wollen. Geschickt hat sie die Lebensfäden von zwei Frauen- aus dem Hier und Jetzt und dem Gestern – miteinander verwoben – ein wahrhaftiger, aber auch phantastischer Roman!

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«Fischers Frau » von Karin Kalisa
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Buch-rezension von Sandra

«Wie wird man, wer man ist?»

Eine junge Frau blickt zurück auf ihre Anfänge: den chinesisch-panamaischen Vater und die deutsche Mutter, die sich im Nachkriegsdeutschland begegnen und zusammen nach New York City gehen. In den fünfziger und sechziger Jahren dort aufwachsend, flüchtet sie sich in Träume, die von den Geschichten ihrer Eltern inspiriert sind, und dann in die Welt des Balletts. Eine sehnsüchtige Mutter mit Heimweh nach ihren Wurzeln, ein stiller Vater, den sie kaum kennt, das Tanzen und die Erfahrung einer ersten Affäre mit Vadim, einem Russen aus Odessa: Das sind die Elemente, die das Leben der jungen Frau prägen. Ein Roman über Eltern und Kinder, Immigration und Liebe – und das Fremdsein in der eigenen Familie.

Nunez erzählt hier von ihren frühkindlichen Erinnerungen an ihren abwesenden chinesisch-panamaischen Vater und ihre ständig an Heimweh leidende deutsche Mutter. Deren Beziehung war eher aus der Not und einer ungewollten Schwangerschaft geboren, die Kälte und Distanz der Eltern prägte Nunez› Leben. Die Autorin verließ früh das Elternhaus und blickt nun Jahrzehnte später zurück auf diese Welt, die sie geprägt hat, die ihren Ehrgeiz, ihre Liebe zum Ballett, ihre Bildungsgeschichte bestimmt hat – und nicht zuletzt ihr gestörtes Verhältnis zu Männern. Erst jetzt begreift sie wirklich, was es für Eltern bedeutet, wenn ihre Kinder eine andere Sprache sprechen und was es mit den Kindern von Immigranten macht, die keine Wurzeln haben in ihrer Heimat und was Sprache und Liebe und Schmerz miteinander zu tun haben.

Die Bücher von Sigrid Nunez sind ganz eigen und ein Erzähluniversum für sich. Sie hat eine feine Sprache und wer sie entdeckt, möchte alles von ihr lesen. Meine Leseempfehlung.

 

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«Eine Feder auf dem Atem Gottes» von Sigrid Nunez
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Buch-rezension von Daniela

«Eine phantasievolle Geschichte über die Geburt der Empathie, aber auch über den Mut, sich der Welt zu stellen.»

 Olga Tokarczuk erzählt in Anna In einen 4000 Jahre alten Mythos auf einzigartige Weise neu. Mit viel Ironie und einer großen Portion Respektlosigkeit verbindet sie das Hohe und Erhabene mit dem Profanen, Allgemeinmenschlichen – und holt den altehrwürdigen Mythos so in unsere Gegenwart.
Inanna, oder AnnaIn, Göttin der Liebe, der Fruchtbarkeit, des Mondes, aber auch des Krieges, herrscht über das sumerische Uruk – ein mythischer, lichter Ort, wo Fahrstühle auch nach links und rechts fahren und Gärten vom Himmel hängen, ein Ort, der eher in der nahen Zukunft als in einer fernen Vergangenheit zu liegen scheint. AnnaIn ist schön, jung, verführerisch, aber auch ungestüm, unstet und machtbewusst. Eines Tages ruft ihre Zwillingsschwester, die Herrscherin der Unterwelt, sie zu sich. Und AnnaIn steigt hinab, in die Katakomben, ins dunkle Reich des Todes. Niemand ist je von dort zurückgekehrt. Welches Opfer wird AnnaIn bringen müssen, um wieder hinaufzusteigen zu den Lebenden?

Tokarczuk gelingt es, die Geschichte originalgetreu, aber trotzdem neu zu erzählen und ich bin sehr begeistert von diesem schmalen Buch. Leben, Sterben, Wiederaufleben, Hingabe füreinander sind die Themen des Buches. Bei der Lektüre schwebt man immer zwischen Realität, Mythos und Si-Fi. Die Sprache ist bildhaft und sehr poetisch und sehr gut übersetzt. Wir tauchen ein in eine lebendige Atmosphäre die vielstimmig, geheimnisvoll und hintergründig ist. Olga Tokarczuk hat mich einmal mehr in ihren Bann gezogen. Eine unbedingte Leseempfehlung! 

 

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«Anna In» von Olga Tokarczuk
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Buch-rezension von Chantal

«Stark, klug, ehrgeizig, selbstbewusst und unglaublich mutig!»

Fliegende Klinge wird sie genannt. Schwerelos fliegt sie durch die Luft und gleitet über das Wasser. Shi Yu ist eine Meisterin der Kampfkunst. Ohne den Wushu der Luft und des Wassers hätte sie nicht überlebt, als sie von Piraten entführt wurde. Noch ahnt sie nicht, dass sie die größte Piratin der chinesischen Meere werden soll und dass es nur einen Mann gibt, der es an Geschicklichkeit mit ihr aufnehmen kann: der gefährliche Eunuchenfürst Cao Feng.

Shi Yu, eine Frau, hineingeboren in eine Welt der Männer und alles, was sie will, ist Freiheit.

Wir begleiten Shi Yu von frühster Kindheit an und erleben, wie sich behauptet, immer wieder aufsteht, egal wie oder von wem sie zu Boden geworfen wird und sie aus allem, was geschieht, stärker hervorgeht, als sie es zuvor gewesen ist. Eine beeindruckende, aufbauende und trotzdem richtig piratige Geschichte mit mitreissendem Abenteuercharakter.

 

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«Shi Yu - Die Unbezwingbare» von Davide Morosinotto
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