Buchrezensionen Team Bellini

Buch-rezension von Sandra

«Ein privates Memoir einer Jugend voller Brüche und Unsicherheiten.»

Ein Mädchen schlägt sich durch. Es wächst unter Menschen auf, die zwar interessant, eigenwillig und künstlerisch tätig sind, aber die sich nicht richtig um das Kind kümmern können. Julia Francks stark autobiografisch grundierter Roman erzählt von einer Nomadenkindheit und -jugend vor und nach dem Mauerfall. Das Mädchen wird in Ostberlin geboren. Julia ist acht, als ihre Mutter sie und die Schwestern in den Westen, erst ins Notaufnahmelager Marienfelde und dann nach Schleswig-Holstein mitnimmt. In dem chaotischen Bauernhaus kann die Dreizehnjährige nicht länger bleiben und zieht aus, nach Westberlin. Neben der Sozialhilfe verdient die Schülerin Geld mit Putzen, sie lernt ihren Vater kennen und verliert ihn unmittelbar, macht ihr Abitur und begegnet Stephan, ihrer großen Liebe. Wenn sie sich erinnert, ist es Gegenwart.

Eine bewegende, ergreifende und persönliche Geschichte über Fremdheit im eigenen Familienkreis. Die Sprache hat mir sehr gefallen, ohne Pathos und immer berührend, nie anklagend. Ein schmerzhaft-schönes Buch der Selbstbehauptung, das mich sehr bewegt hat. Sehr empfehlenswert! 

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«Welten auseinander» von Julia Franck
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Buch-rezension von Urs

«Für Krimiliebhaber für Geschichten aus dem hohen Norden mit Tiefgang. »

Die Meldung von einem Mann, der bei einem Saufgelage in einem Wochenendhaus mit einem Brotmesser erstochen wurde, erreicht Jari Paroviita, Interimsleiter des Kriminalkommissariats Pori gegen 6 Uhr Abends – Dienstschluss. Jari überlässt den Fall fürs Erste seinen untergebenen Kollegen, Kriminaloberkommissar Henrik Oksman und Linda Toivonen. Der Täter scheint flüchtig zu sein, wird jedoch bald völlig durchfroren ohne Schuhe aufgestöbert. Es ist November im Jahre 2018 bei stürmischem Wetter. Als Jari schliesslich mit der Identität des Messerstechers und dessen Opfers konfrontiert wird, bekommt er Schweissausbrüche. Der Mörder, der überhaupt keine Erinnerung an seine im Vollrausch begangene Tat mehr zu haben scheint, ist sein bester Jugendfreund Antti Mielonen aus Pori und der Tote Rami Nieminen, ein ehemaliger Nachbarsjunge, der ihn als Junge mit zwei Kumpanen wegen eines hübschen Mädchens mehrmals übel zusammengeschlagen hat. Beide weisen eine erdrückenden Kleinkriminellen-Karriere auf. Jari quält sein schlechtes Gewissen und er beschliesst Antti zu helfen. Aber wie? Seine berufliche Karriere steht schliesslich auf dem Spiel – er könnte Chef der Kripo werden, was finanziell für ihn sehr interessant wäre bei seiner anspruchsvollen Gattin…Er beginnt die Arbeit seiner Kollegen am aktuellen Fall in Frage zu stellen. Die Tatwaffe konnte zwar bislang nicht aufgefunden werden, aber ansonsten deutet wirklich alles auf die Schuld Anttis hin. Ein gefährliches Spiel auf Messers Schneide beginnt. Henrik Oksman findet schliesslich über ein Klassenfoto aus dem Jahr 1991 heraus, dass Jari, Antti und Rami die gleiche 6. Klasse besucht hatten. Damit erhalten die Ermittlungen eine neue Dynamik, insbesondere auch weil inzwischen die Tatwaffe gefunden wurde um kurz danach wieder zu verschwinden. Ein Katz und Maus Spiel zwischen Oksman und seinem Vorgesetzten Paroviita beginnt. Der Roman pendelt zwischen dem Jahr 1991, der Jugendzeit von Jari, Antti und Rami, und 2018, der Zeit der Ermittlungen. Die Zeit zu Beginn der 90iger Jahre ist der Schlüssel für die tragischen Geschehnisse vom Herbst 2018: Die tiefe Feindschaft zwischen dem Duo Jari-Antti und Ravi mit seinen Kumpeln, der unglückliche, tödlich ausgehende Sturz in den Brunnenschacht von Jaris behinderten kleinen Schwester, der Mord an Anttis betrunkenem Vater am Mittsommerfest.

Eine sehr finnische, hochdramatische Geschichte, bei der Alkohol reichlich fliesst, was – wie wir unterdessen wissen – nicht unbedingt zu erfreulichen Ergebnissen führt. Eine Art von Entwicklungsroman, der in eine Kriminalgeschichte mündet. Unausweichlich düster, wie die immer wieder aufziehenden Wolken am finnischen Himmel, und unheimlich spannend. Krimiliebhaber für Geschichten aus dem hohen Norden freuts – auch SaunagängerInnen, die dem aktuellen Winter die Stirne bieten wollen.

 

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«Was wir verschweigen» von Arttu Tuominen
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Buch-rezension von Carolin

«Der neuste Wurf von einer meiner Lieblingsautorinnen.»

Nach nur wenigen Seiten ist man schon wieder der Ich-Erzählerin Lucy Barton, die aufmerksame Strout-Leser:innen gut aus «Die Unvollkommenheit der Liebe» und «Alles ist möglich» kennen, ganz nah und mittendrin. Die Autorin gibt ihren Protagonisten stets eine unverkennbare Stimme, Ihre Hauptfiguren verlieren dabei nie an Freundlichkeit und Charme, dennoch werden auch scharfkantige Themen gestreift, die uns, in diesem Fall, Lucy Barton, William, deren Töchter noch näher ans Herz wachsen lassen. Der Roman beschäftigt sich wieder mit den Strout-typischen Themen, wie Heirat, Ehe, Trennung, Kindheitstraumata, Zugehörigkeit, Trauer, Erziehung, reifen und älter werden – das liest sich sehr humorvoll, einfühlsam, zart und bewegend.
Die Romane von Elizabeth Strout sind für mich immer irgendwie wie ein nachhause kommen: Ich kann es kaum erwarten die Tür zu öffnen, eine wohlige Wärme umhüllt mich, es duftet nach Zuhause, ich fühle mich von Anfang an pudelwohl, kenne aber auch um die Schwächen und Empfindsamkeiten des Zuhauses und bin einfach selig und froh, dass ich genau dorthin nach Hause kommen darf ! Es ist keine Pflicht die vorhergehenden Romane zu Lucy Barton zu lesen , «Oh, William!» überzeugt auch für sich alleine, aber ich empfehle von Herzen dennoch die beiden Vorgänger.  «Oh, William!» – mein wohliger November-graue-Tage-Lesetipp mit hohem Wärmegefühlfaktor!
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«Oh William!» von Elisabeth Strout
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Buch-rezension von Urs

«Ein Erstlingskrimi mit Zürcher Lokalkolorit.»

In einer Herbstnacht mit für die Jahreszeit typischem Westwind wird die Zürcher Kriminalpolizistin Sarah Conti – Klavierspielerin und Klassikliebhaberin – von ihrer Wohnung im Seefeld ans Zürcher Seebecken gerufen: Kaspar Feldmann, Anwalt aus Küsnacht ist dort von einer Polizeistreife gefunden worden. Tot mit herausgerissenem Herzen, ein schrecklicher Anblick. Kaspar Feldmann scheint in sogenannt guten Kreisen verkehrt zu haben. Bemerkenswert ist, dass er anlässlich seines 50igsten Geburtstags zum Katholizismus übergetreten ist. Er war Mitglied der fratres in spiritu sancto. Das ist doch sehr auffällig gerade für das zwinglianische Zürich mit seinen Zünftern, Rotariern, Bankern, die sich dann auch mächtig in Zeug legen damit Sarah’s Recherchen auch wirklich schön diskret durchgeführt werden. Die gewünscht diskreten Ermittlungen beginnen. War es ein Ritualmord? Mögliche Täter aus Rache gäbe jedenfalls zuhauf, war doch der nicht gerade als zimperlich bekannte, charismatische Anwalt in alle möglichen (internationale) Geschäfte involviert. Sein als Coach und Beichtvater amtierender Pater Ambros Keller kann und darf (Beichtgeheimnis) der Polizei auch nicht ohne weiteres weiterhelfen. Langsam mehren sich dennoch die Informationen. Sarah beginnt Details wahrzunehmen -Seite um Seite blättert sich eine Geschichte aus dunkeln Winkeln auf. Feldmanns Lebensentwürfe, die vom Nationalsozialismus bis hin zum Opus Die gespiesen werden, als vermeintliches Gegengewicht zum raschen Leben (Escort Damen und sadomasochistische Orgien inklusive), das in der Anwaltskanzlei an der Bahnhofsrasse und in der Küsnachter Villa Feldmann vorherrscht? Ein Schlüssel zu all diesen geheimnisvollen Vorlieben scheint ein winziges Tatoo in der Achselhöhle von Feldmann zu sein, welches in der Gerichtmedizin entdeckt wurde: Ein eisernes Herz. Kein actionmässiger Showdown am Ende aber ein von Sarah klug geführtes Verhör mit drei Verdächtigen bringt schliesslich Klarheit.

Fabio Lanz‘ Erstlingskrimi ist in einer sorgfältigen, präzisen Sprache verfasst, die Story ist linear erzählt, ohne Verschachtelungen, was durchaus zum Lesevergnügen beitragen mag. Wir lesen auch viel über Zürich v.a. über die Gegend zwischen dem Kriminalkommissariat und dem Seefeld, dazu gehören auch die Bahnhofstrasse, das Engequartier und – ach – die Kronenhalle und verfolgen auch einige doch recht philosophische Betrachtungen der Akteure. Viele Gedanken und detaillierte Informationen zu gerade anfallenden Speisen und Getränken mögen doch etwas auf Kosten der Spannung gehen. Das völlige unerwartete Ende jedoch versöhnt den Leser. Es lohnt sich das Buch zu Ende zu lesen!

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«Ein kaltes Herz» von Fabio Lanz
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Buch-rezension von Chantal

«Ein fantastischer Autor, der ein fantastisches Buch geschrieben hat»

Als die 18-jährige Manal auf der Suche nach ihren Wurzeln an die Elfenbeinküste reist, ändert sich ihr Leben auf einen Schlag: Hinter einem von Hunden bewachten Zaun steht Issa, mitten im Urwald. Und braucht ihre Hilfe. Er will seinen kleinen Bruder nach Hause holen, der, wie viele andere Kinder, zum Arbeiten auf die Kakaoplantage verschleppt wurde. Doch so einfach ist das nicht, denn in der Welt hinter dem Zaun herrschen eigene Regeln, und viele der Kinder haben Angst vor der Freiheit. Schließlich gelingt ihnen jedoch mit Manals Hilfe die Flucht. Und eine gnadenlose Verfolgungsjagd durch ein ausgetrocknetes Land beginnt …

Peer Martin zeigt uns ein Land, eine Realität, die viele von uns im Alltag verdrängen. Er ruft uns ins Gedächtnis, dass die Schokolade, die wir so gerne essen, ihren Ursprung in Sklaverei, Kinderarbeit und Kinderhandel findet. Er lässt uns nicht vergessen, welche Schuld wir an den Verbrechen, an den Menschen und am Land Afrikas vor Generationen getragen haben und es heute noch tun. Trotz alldem sehen wir in diesem Buch Menschlichkeit und unerschöpfliche Hoffnung. Ein grossartiges Werk!

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«Blut & Schokolade» von Peer Martin
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Buch-rezension von Sandra

«Ein Vater auf der Reise zu sich selbst.»

Die Welt ist verstummt, in Schnee gehüllt. Der Verkehr ist zum Erliegen gekommen, Flüge gestrichen und die Straßen tückisch. Doch Tom muss sich in diese verwandelte Landschaft wagen, um seinen Sohn Luke abzuholen, der krank und in seinem Studentenwohnheim gestrandet ist. Während dieser einsamen Reise von Belfast nach Sunderland mit dem Auto und dem Boot denkt Tom über sein Leben nach. Tom fährt durch eine gefrorene weiße Landschaft, aber seine Gedanken verweilen auf dem dunklen Schatten in seinem Herzen, denn er hat vor einiger Zeit als Vater eine qualvolle Wahl getroffen, die er seiner Frau verheimlicht hat und die ihn bis heute quält. Gegen Ende der Fahrt erlaubt er seiner Angst endlich, sich der Wahrheit zu stellen. Meisterhaft überlässt es der Autor uns, die Puzzleteile der Vergangenheit Stück für Stück zusammenzusetzen, wer Daniel ist und was aus ihm geworden ist.

In lyrischer und müheloser Prosa präsentiert uns David Park anschaulich das Innenleben eines Mannes, der sich mit den Herausforderungen der Existenz und als Vater auseinandersetzt. Park schreibt mit einem herzzerreißenden, unerschrockenen Ton und in einer feinen Sprache, in der man sich leicht verlieren kann, wie in der Trostlosigkeit und den erstickenden Schneeverwehungen. Diese Geschichte hat so viel Tiefe; mit Themen wie Liebe, Verlust, Wut, Trauer, Versagen, Bedauern und Hoffnung, die sich durch seine Seiten ziehen. Anmutig und wunderschön zu lesen.

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«Reise durch ein fremdes Land» von David Park
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Buch-rezension von Carolin

«Ein Roman über Scham, Glamour und den Glauben an die moralische Kraft der Kunst.»

William Harding ist ein erfolgreicher Filmstar. Doch nachdem er seine Frau betrogen hat, kreuzigt ihn das Gericht der öffentlichen Meinung. Egal vom Taxifahrer bis zu seinen Schauspielerkollegen teilen ihm ihre Philosophien mit, wie er sein Leben nun zu gestalten und zu reparieren hat. Dazu hat er aber eigentlich gar keine Zeit, denn er ist dabei sein Broadway-Debüt zu geben- soll den Hotspur in Henry IV geben. Wir begleiten William auf einem verrückten Lauf durch sein Leben – von dem Tag an, an dem er nach New York zurückkehrt, um für Henry zu proben, bis zum Abschluss der Broadway Show. William versucht zunächst seinen verwirrten Leben zu entkommen mit allerlei Ablenkungen – das reicht von Drogen über eine Frau nach der anderen zu „lieben“…all das liest sich so brilliant.

Das Buch von Ethan Hawke hat mich auf königliche Art unglaublich gut unterhalten – ich gebe zu, ich mochte Ethan Hawke schon immer sehr als Schauspieler, seine schriftstellerischen Fähigkeiten hinken dem aber mitnichten nach. Noch nie waren wir einem angesehenen Schauspieler oder öffentlichen Persönlichkeit näher als in diesem Buch und mein Herz glüht für William Harding, Shakespeare , New York, das Theater und vor allem für Väter und Söhne! Mein Lesetipp!

 

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«Hell strahlt die Dunkelheit» von Ethan Hawke
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Buch-rezension von Daniela

«Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft.»

Ein unvergessliches Memoir über die Freundschaft zwischen einer einzelgängerischen Biologin und einem wilden Fuchs, die uns die Welt mit anderen Augen sehen lässt.
Als sich Catherine Raven in der rauen, unberührten Landschaft Montanas eine kleine Hütte mit einem blauen Dach baut, ist ihre Isolation komplett. Ihre Gesellschaft ist die Natur, die verblüffend lebendige Tier- und Pflanzenwelt, mit der sie ihr Land teilt: eine Schwarze Witwe in der Garage, rebellische Wühlmäuse, eine matriarchalische Elster und ein Wacholder namens Tonic. Eines Tages bemerkt sie einen wilden Fuchs, der jeden Nachmittag um 16.15 Uhr auf ihrem Grundstück erscheint. Entgegen allen wissenschaftlichen Gepflogenheiten beginnt sie, ihm aus »Der kleine Prinz« vorzulesen.Durch das Prisma dieser außergewöhnlichen Freundschaft stellt Raven sich den großen Fragen: Wo ist unser Platz in der Welt? Können wir im Gleichgewicht mit der Natur leben? Was unterscheidet Wildnis und Zivilisation? Was Isolation und Einsamkeit? Der einzigartige »New York Times«-Bestseller über den Zauber der Natur und die heilsame Kraft der Freundschaft.

Ein weises, intimes Buch über eine Einzelgängerin, eine studierte Biologin, die Freundschaft mit einem Fuchs schliesst. Darüber hinaus ist es die Geschichte eines Menschen, dessen auf Logik getrimmter Geist der Natur begegnet, von ihr berührt wird und so zu grösseren Wahrheiten vordringt.

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«Fuchs und ich» von Catherine Raven
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