Buchrezensionen Team Bellini

Danielas Buch-rezension

«Ein Roman basierend auf einer wahren Geschichte.»

„Sie nutzen ihren Schmerz als Waffe für den Frieden“, sagt Colum McCann über die beiden Männer, von deren Leben er erzählt. Der Israeli Rami Elhanan und der Palästinenser Bassam Aramin hätten allen Grund, sich zu hassen. Beide haben ihre Töchter verloren: Smadar starb 1997, mit 13, bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag, Abir zehn Jahre später, mit 10, durch die Kugel eines israelischen Grenzsoldaten.

Fünf Jahre hat McCann recherchiert und geschrieben, auch in diesem Roman ist deutlich spürbar, dass er Journalist und Schriftsteller ist. Wie er dann seine Geschichte baut, aus gefühlt unendlich vielen, kleinen, ist große Kunst, ein literarisches Apeirogon. Apeirogon ist eine geometrische Form mit unendlich vielen Seiten. Rund 600 füllt McCann – auf denen er seine Leser nach Jerusalem und nach Bait Dschala mitnimmt, zu den Checkpoints, in die Siedlungen, zu den Treffen der Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Im Kern des Buches steht die Frage: Was ist der Mensch? Müssen wir nicht als Menschen zusammenleben? Sind nicht die, die wir oft als Gegner sehen, auch Opfer?

Trotz der großen Komplexität liest sich das Buch nach einer kurzen Anlaufzeit sehr gut, für mich ein bereichernder Roman der mir den israelisch-palästinensischen Konflikt nähergebracht hat.

0350188_600
«Apeirogon» von Colum McCann
Buch bestellen

Ursis Buch-rezension

«Ein farbiger, lebenspraller Roman über eine unvergessliche Frau und ein tragisches Familienschicksal.»

Zora del Buono hat von ihrer Großmutter nicht nur den Vornamen geerbt, sondern auch ein Familienverhängnis, denn die alte Zora war in einen Raubmord verwickelt. Diese Geschichte und ihre Folgen bis heute erzählt dieser große Familienroman.
Die Slowenin Zora lernt ihren späteren Ehemann, den Radiologieprofessor Pietro Del Buono, am Ende des Ersten Weltkriegs kennen. Sie folgt ihm nach Bari in Süditalien, wo sie, beide überzeugte Kommunisten, ein großbürgerliches und doch politisch engagiertes Leben im Widerstand gegen den Faschismus Mussolinis führen. Zora ist herrisch, eindrucksvoll, temperamentvoll und begabt, eine Bewunderin Josip Broz Titos, dem sie Waffen zu liefern versucht und dem ihr Mann das Leben rettet. Sie will mehr sein, als sie kann, und drückt doch allen in ihrer Umgebung ihren Stempel auf. Ihr Leben und das Leben ihrer Familie, ihrer Kinder und Enkelkinder, vollziehen sich in einer Zeit der Kriege und der Gewalt, erbitterter territorialer und ideologischer Kämpfe, die unsere Welt bis heute prägen. In einem grandiosen Schlussmonolog erzählt die alte Zora Del Buono ihre Geschichte zu Ende, eine Geschichte der Liebe, der Kämpfe, des Hasses und des Verrats.
f8d000b6a7b3b2bb39e2813effb852b495b20b35-00-00
«Die Marschallin» von Zora del Buono
Buch bestellen

Carolins Buch-rezension

«Eine so noch nie gelesene Stimme aus Großbritannien.»

Zwölf, meist schwarze, britische Frauen sind die Heldinnen dieses Romans. Es geht um ihre Kämpfe, um Sehnsüchte, Träume und (oft lesbische) Liebe. Die Zwölf sind Mütter und Töchter, Freundinnen und Kolleginnen. Die meisten kommen aus der Arbeiterklasse, manche sind queer, fast alle sind in Großbritannien geboren. Egal wie sehr den Figuren ihre Hautfarbe, ihre Sexualität oder ihre gesellschaftliche Klasse Nachteile bringt: diese Frauen verharren nicht in einer Opferrolle, sondern bestimmen selbstbewusst über ihr Leben.

Die Dramatikerin Amma steht kurz vor dem Durchbruch. In ihrer ersten Inszenierung am Londoner National Theatre setzt sie sich mit ihrer Identität als schwarze, lesbische Frau auseinander. Ihre gute Freundin Shirley hingegen ist nach jahrzehntelanger Arbeit an unterfinanzierten Londoner Schulen ausgebrannt. Carole hat Shirley, ihrer ehemaligen Lehrerin, viel zu verdanken, sie arbeitet inzwischen als erfolgreiche Investmentbankerin. Caroles Mutter Bummi will ebenfalls auf eigenen Füßen stehen und gründet eine Reinigungsfirma. Sie ist in Nigeria in armen Verhältnissen aufgewachsen und hat ihrer Tochter Carole aus guten Gründen einen englischen Vornamen gegeben. Auch wenn die Frauen, ihre Rollen und Lebensgeschichten in Bernardine Evaristos Roman sehr unterschiedlich sind, ihre Entscheidungen, ihre Kämpfe, ihre Fragen stehen niemals nur für sich, sie alle erzählen von dem Wunsch, einen Platz in dieser Welt zu finden.

0359166_600
«Bernardine Evaristo» von Mädchen, Frau etc.
Buch bestellen

Sandras Buch-rezension

«Ein autofiktionaler Roman, schonungslos, poetisch und brutal zugleich. »

Ein dänischer Klassiker, neu wiederentdeckt!

In „Kindheit“ erzählt Tove Ditlevsen vom Aufwachsen im Kopenhagen der 1920er Jahre in ärmlichen Verhältnissen. Tove passt dort nicht hinein, ihre Kindheit scheint wie für ein anderes Mädchen gemacht. Die Mutter ist unnahbar, der Vater verliert seine Arbeit als Heizer. Sonntags muss Tove für die Familie Gebäck holen gehen, so viel, wie in ihre Tasche hineinpasst, und das ist alles, was es zu essen gibt. Zusammen mit ihrer Freundin, der wilden, rothaarigen Ruth, entdeckt Tove die Stadt. Sie zeigt ihr, wo die Prostituierten stehen, und geht mit ihr stehlen. Aber eigentlich interessiert sich Tove für die Welt der Bücher und hat den brennenden Wunsch, Schriftstellerin zu werden – und dafür ist sie bereit, das Leben, wie es für sie vorgezeichnet scheint, hinter sich zu lassen.

Es ist die Biografie eines Arbeiterkindes, das trotz Begabung nicht aufs Gymnasium durfte und dennoch bereits in jungen Jahren eine beeindruckende Schriftsteller-Karriere hinlegte. Ditlevsen schrieb Gedichte, Romane, Erzählungen, Kinderbücher und Essays. Die „Kopenhagen-Trilogie“ war eine Art Neustart nach einer tiefen Krise. Sie litt unter Alkohol- und Medikamentensucht, sie schlitterte von einer Ehe in die nächste. Die letzten Jahre verbrachte sie in der Psychiatrie, die sie als „Zufluchtsort“ vor Männern und Kindern empfand, dort schrieb sie auch die Trilogie. Sie nahm sich 1976 mit 58 Jahren das Leben.

Ditlevsen erzählt sprachlich präzise und ungeschönt, aber nicht ohne Schalk und Witz. Ihre Gefühle, Sorgen und Ängste weiss sie in poetischen Bildern darzustellen, die unter die Haut gehen und nicht loslassen. Ein Leseerlebnis der besonderen Art.

Die „Kopenhagen Trilogie“ ist 1967 in Dänemark erschienen und erscheint jetzt im Aufbau Verlag / Berlin. Band 2 „Jugend“ und Band 3 „Abhängigkeit“ erscheinen im Februar.

cover.do
«Kindheit» von Tove Ditlevsen
Buch bestellen

Chantals Buch-rezension

Dieses Buch macht jungen Frauen Mut, sich selbst zu sein!

Wie alle Mädchen ist Marin an ihrer Schule mit lauter ausgesprochenen und unausgesprochenen Anforderungen konfrontiert: Schminke dich, aber trag nicht zu viel Make-up. Werd nicht zu dünn, aber auch nicht zu dick. Sei witzig, aber dränge dich nicht in den Mittelpunkt… Und Marin ist gut darin, die Regeln zu befolgen. Bis ein Vorfall mit ihrem Lehrer ihr die Augen öffnet. Erstmals sieht Marin, wie ungerecht Mädchen und Frauen behandelt werden. Und sie beschließt, sich nicht länger an die Spielregeln von anderen zu halten, auch wenn das bedeutet, dass sie sich gegen ihre eigenen Freunde stellen muss.

Aktuell, zum mitfiebern und sich selbst wiedererkennen.

83fdfe6c20005fbb6840a8013a0a6b0c8e968ee4-00-00
«Rules for being a girl» von Candace Bushnell & Katie Cotugno
Buch bestellen